Der Journalist Jan Feddersen lebt in Berlin und Hamburg und ist Redakteur bei der Tageszeitung TAZ in Berlin. Er schreibt über sexualpolitische Fragen ebenso wie zur Kritik der Queer Theory und hat mehrere Bücher publiziert, u. a. zum Hippiefestival in Woodstock wie zum Eurovision Song Contest. Als Diskussionsbeitrag für unsere Rubrik »Das neue Aids« hat er die folgenden »Fünfzehn Mutmaßungen über eine Viruserkrankung« verfasst.

  1. Aids hat die global einflussreichste und erfolgreichste Selbsthilfebewegung im Gesundheitsbereich ins Leben gerufen. Es waren schwule Männer, die die Aufmerksamkeit auf diese neue Infektionskrankheit zogen, notgedrungen. Denn sie waren überwiegend von ihr selbst betroffen. Aids hat schwule Männer als gesundheitspolitische Avantgarde profiliert; dass Aids auf dem afrikanischen Kontinent oder in Osteuropa grassiert wie eh und je, liegt auch daran, dass es dort eine vorwiegend heterosexuelle Infektionskrankheit ist. Da aber das Reden über Sexuelles, also über die Übertragungswege Voraussetzung für den Selbstschutz ist, da das Sprechen über diese Vorsicht in den osteuropäischen Ländern wie in Afrika nur schwer möglich ist, bleibt Aids in der dortigen Wahrnehmung eine üble Epidemie – und nichts weiter.
  2. Es blieb einem von 1983 an nichts anderes übrig, diese Infektionskrankheit, die heute als Aids bekannt ist, auch als sozialen Angriff auf Homosexuelle zu lesen. In dem Wort »Schwulenkrebs« steckte eine Zuschreibung, die der eben erwachten politischen Community der schwulen Männer zu signalisieren schien, von ihr und allen anderen ginge eine Art Krebs aus, womöglich ansteckend.
  3. Dass Aids in Wahrheit mit Infektion zu tun hatte, erschloss sich erst – wenn auch nur wenige – Jahre später. Man konnte sich schützen, per Kondom hauptsächlich, seltener durch Verzicht auf Sexuelles überhaupt. Aids wurde in manchen Zirkeln auch gelesen als irgendwie schicksalsmächtige Kritik an einem sexuellen Treiben der Schwulen, auf dass sie es nicht mehr so heftig trieben.
  4. Die Nüchternheit, nur über eine Infektionskrankheit zu sprechen, hatte damals niemand. Selbst die mit diesem Thema befassten Mediziner neigten zu Atmosphären des Alarms.
  5. Schwulenaktivisten haben noch Mitte der Achtziger-Jahre öffentlich gelobt, kondomlos ficken zu wollen – man dürfe sich von der Propaganda gegen die anale Lust nicht irre machen lassen.
  6. Von diesen Selbstfantasien, durch die Schönheit der eigenen Entscheidung praktisch uninfizierbar zu sein, sind tatsächlich viele Männer heimgesucht wurden, junge vor allem.
  7. Welche sonst, wenn nicht junge? Die Idee, dass einem irgendein Virus doch nicht anhaben könne, ist die eines Achill, der von der Anfälligkeit seiner Ferse noch nichts hat wahrhaben will.
  8. Viel zu viele haben sich infiziert seither, weil die öffentliche Aufmerksamkeit sich unentwegt nur auf den Alarm und die Bedrohung gerichtet hat. Es hätte klüger operiert werden können. Wenn nämlich auch die Aids-Aktivisten früh gesagt hätten, dass Sex nicht mehr risikolos zu haben sein würde. Ein Virus hat keine moralischen Dimensionen in sich – er trägt sich weiter, wo er es vermag.
  9. Der Horror, an einer HIV-Infektion sehr schnell zu sterben, ist gebannt. Medikamente können weiter helfen, die Überlebensrate ist eklatant normal. Aids ist kein Tod im Wartestand mehr, jedenfalls keiner, den man sich nicht auch anders zuziehen könnte.
  10. Aids bedeutete ein Ende des sexuellen Paradieses. Seitens schwuler Männer sind die Infektionsraten deshalb verhältnismäßig niedrig, weil deren Sex beinah plötzlich ein eingeschränkter war und sein musste. Wer bei Trost bleiben wollte, musste verzichten, vor allem auf Träumereien der sexuellen Allmöglichkeiten.
  11. Aids ist eine Tragödie immer noch, weil jene, die vor dieser Krankheit erwachsen werden konnten, noch wissen, wie der Sex vor der Verbreitung dieser Infektion war. Es könnte irgendwann nützlich sein herauszufinden, diese Umstände nicht allein als Katastrophe zu deuten. Jeder Aidstote war und ist einer zuviel. Das Phantasma, Aids habe das Paradies zerstört, ist ein blendendes.
  12. Das Schlaraffenland hat es nie gegeben. Sexuelles ohne Aids war eine Lust, die, so signalisierte der Zeitgeist, grenzenlos sein konnte. Sexuelles war, mit der sowjetischen Frühbolschewistin Alexandra Kollontai gesprochen, nicht mehr als das Trinken eines Glases Wasser. Sex war im schwulen Kontext eine Leibesübung mit Dauerversprechen auf Transzendenz. Aids hat diese Illusion nachhaltig erschüttert.
  13. Aids hat nicht neue Prüderie gefördert, aber neue Vorsicht, neuen Selbstschutz und neue Umsicht. Aids ist auch die Chiffre von Distanz geworden. Wer ohne Kondom Sex hat im Wissen, dass es eine Infektion geben könnte, weiß immer um die Tödlichkeit dessen, was die Sache ist: Sex als Tod im Kleinen.
  14. Die Welt kann staunen: Eine Epidemie als Menetekel hätte es geben können, schwule Aids-Aktivisten haben das Ihre dazu beigetragen, dass eine Kultur entstanden ist, mit dieser Infektionskrankheit menschlich umzugehen.
  15. Sich mit Aids zu infizieren, ist eine Sache der Wahrscheinlichkeit. Nicht der Moral. Wer ganz und gar sichergehen will, ist nicht von dieser Welt. Lüste sind am Ende nie ganz steuerbar. Aids nützt niemandem.